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Der QR-Code als Ort der Identität



Grabmal mit QR-Code - Detail




Grabmal mit QR-Code




Die ersten Kodierungen der Lebenswelt waren Zeichen, Symbole, Zahlen und Buchstaben, ihre Entzifferung und das Verstehen des Gemeinten hing immer mit dem Wissensgrad des diesen Code Betrachtenden zusammen. Auch heute noch gilt: Je mehr Wissen, desto mehr Erkenntnis.

Damit Kommunikation und so Vermittlung von Sinn geschieht, bedient sich der Mensch verschiedener Mittel. Metaphern, Buchstaben, aneinander gereiht zu Worten, diese zu Sätze und Büchern. Zahlen und Zahlenkolonnen, Einsen und Nullen, Zeichen und Symbole, Bits und Bytes. Sie fungieren als Schlüssel, als Kodierung eines Inhaltes.

Die Codes, die auf den heutigen Grabmalen zu finden sind oder bei alternativen Bestattungsformen wie z.B. Kolumbarien, Ruheforst und Friedwald zur Anwendung kommen, lassen an Schlüssel zur Erkundung des Verwaltungsrechtes und von Aktenablagen erinnern und es braucht viel Geduld und Engagement um das einzelne Individuum hinter Zahl, Buchstabe und Form zu entdecken bzw. heraus zu finden, wer denn wo bestattet ist. In Ermanglung rethorischer Elemente versinkt das Besondere im Allgemeinen. Ist die äußere Erscheinung des Grabzeichens, die Form der Bestattung unverbindlich, versinkt das Allgemeine im Beliebigen.

Um ein personenbezogenes und ein das Individuum repräsentierendes Grabzeichen zu gestalten sollte dem Gestalter die Identität des Verstorbenen, soweit m&oumL;glich, bekannt sein. Vieles was unter die Rubrik personenbezogen und individuell subsummiert wird verschleiert eher den Blick und erschwert die Identifizierung des Bestatteten; denn die Gestaltung solcher Zeichen ist mit dem Verstehen der Lebenswelt des Verstorbenen und sich einlassen auf diese verbunden. Das Gelingen von Gestaltung steht und fällt mit der Fähigkeit zur persönlichen Veränderung und Metamorphose.

Das Leben eines Menschen ist durch Veränderungen bestimmt und geprägt und es gehört zur condition humaine, mit diesen sich zu arrangieren und umzugehen. Das Ergebnis ist die Identität. Identität beruht auf Unterscheidung, auf Unverwechselbarkeit und wird auch über Sprache vermittelt, durch Kommunikation. Auch Sprache, Sprachgebrauch und Wortschatz unterliegen Veränderungen.

Zum Ende des letzten Jahrtausends wurde der Boden der Religion als Fundament der Gesellschaft brüchig, buchstäblich bröckelten den Grabmalschaffenden zuverlässige Möglichkeiten der Gestaltung unter den Händen weg: die Sinngebung christlicher Symbole erschöpfte sich mit fortschreitender Säkularisierung. Um Grabmale auch weiterhin als Träger einer Aussage zu gestalten, wurden allgemeingültigere zeitgemäße Zeichen und Symbole, neue Verbindlichkeiten in die Gestaltung mit einbezogen und es wurde seither mehr Akzent und Augenmerk auf das "Aussehen" des Grabsteines gelegt. Das Kunsthandwerk rückt immer mehr in den Fokus der Gestaltung eines Grabzeichens und verschiebt dieses aus dem Mittelpunkt der eigentlichen Aufgabe: anzuzeigen, wer wo bestattet ist. Es ändert sich der Wortschatz der Gestaltung im Besonderen wie sich im Allgemeinen der Erwartungshorizont ändert. Neue Technologien steuern ihr übriges zum kommunikativen Handeln hinzu.

Die Gestaltung eines Grabsteines bietet die Möglichkeit von Kommunikation und im Gestaltungsprozess wird dieser, in der Entstehung des Zeichens, zur Sprache selbst, einem Kommunikationsmittel, zu einem Code.

Wie kann so ein Code aussehen? Ein Zeichen, ein Schlüssel, das die Identität des Verstorbenen beschreibt und dann auch noch für jedermann lesbar ist. Also auch für denjenigen, der nicht in die Kodifizierung des Verstorbenen sprich Gestaltung des Grabzeichens einbezogen ist.

Der QR-Code ist ein computergeneriertes Zeichen, lesbar mit einem Scanner, der als Programm auf Handys und Tablet-Computern zu finden ist. Er ist der Schlüssel zu einer auf einem Server abgelegten Internetseite. Auf dieser Interseite können Daten gespeichert werden.

Ist ein QR-Code in die Gestaltung eines Grabmales integriert worden, so können die auf der Seite gespeicherten Daten jene eines Verstorbenen sein, Fotos, Briefe, Videos etc. Auch dies Codes und Chiffren, die vielleicht einen genaueren und deutlicheren Zugang zu dem Verstorbenen gelingen lassen. Der QR-Code als Schlüssel zur digitalen Identität?

Der Zugang zu einer mit diesen Daten angelegten Internetseite ermöglicht etwas, was ein Grabmal nicht leisten kann: Synonyme des Verstorbenen zu zeigen, das sogenannte Ich des Bestatteten in verschiedensten Lebensstufen, -zeiten und -orten darzustellen.

Ein Grabstein kann den Namen tragen und als Metapher stehen, eine persönliche Eigenschaft und den Namen einer sozialen Kategorie wiedergeben. Auch die Bewertung dieser Kategorie kann zur Sprache kommen, aber als Synonym die Aussage "Ich bin Ich" darzustellen ist dem Grabmal nicht möglich.

Durch Pflege und Vernetzung dieser einzelnen Seiten wird vergangene Lebensweltlichkeit optisch und sinnlich erfahrbar, das Lieblingslied, der gemeinsame Urlaub am Strand, gesprochene Worte. All dies, was durch Unterlassung unkonserviert und privat bleiben könnte und damit dem Vergessen anheim fiele, bleibt erhalten und für alle am Netzwerk ersichtlich. Durch die Vernetzung entfaltet sich ein Erinnerungsspektrum über das eigentlich Individuelle hinaus. Bietet sich hier die Möglichkeit, durch die Wandelbarkeit der eingestellten Daten ein Grabmal als Identitätsträger zu schaffen, der sich mit der Trauer entwickelt?

Der QR-Code als Schlüssel zu der virtuellen Erinnerung ist auch der Code für die Fragen: Ist das Vergessen oder ist die Erinnerung bzw. die stete Verfügbarkeit von Vergangenem heilsam? Hilft die Visualisierung im Trauerprozeß und darüber hinaus oder ist die verklärende Erinnerung und der Weg in das Vergessen eher hinderlich und es herrscht das Ressentiment des Arrangements? Ist die Archivierung von Daten Verstorbener und ein öffentlicher Zugriff auf diese Daten gelebten Lebens für das kollektive Memorieren über das individuelle hinaus förderlich? Kann individuelle Geschichtlichkeit und Herkunft in der Möglichkeit ihrer steten Präsenz wichtig für individuelles Leben und Ausrichtung werden? Schafft Vernetzung von archivierten Artefakten von Verstorbenen, die Lesbarkeit und der Nachvollzug der Datenwege Eingebunden-sein zukünftiger Generationen? Braucht Zukunft Rückbezug und -besinnung auf Vergangenes und wenn ja, wieviel? Entstehen durch technische Möglichkeiten der Archivierung und Wiedergabe moralische Kategorien in Bezug auf die Gestaltung von Grabsteinen? Jedes Grabmal ist Versuch mit Sprache dem Verstummen entgegen zu treten und als Code bezeichnet es zumindest den Ort der Bestattung. Wie die Kodifizierung dieses Ortes aussieht und welche Möglichkeiten der Ver- und Entschlüsselung bereit halten, ist nicht nur eine Frage der Technik sondern und vor allen Dingen eine Angelegenheit des Wissens. Ein Grabmal sollte zeitgemäß gestaltet sein, um ein authentisches Zeichen seiner Zeit zu sein. In dem Moment, in dem gelebtes Leben in Zeichen fixiert wird, sollte dieses in seiner zeitlichen Wirklichkeit lesbar und aus dieser heraus deutbar sein, auch wenn Unlesbarkeit der Kodierung wegen technischer Legasthenie nicht zu verhindern ist.